Die Roma räumen auf
Neue Chancen. Was hat sich bei den Roma/Romnija seit dem Inkrafttreten des steirischen Bettelverbots getan? Leben zwischen Arbeitsprojekten und Ressentiments.
Fünf Monate sind vergangen, seitdem im Mai das generelle Bettelverbot in der Steiermark in Kraft getreten ist. Ebenso lange liegt die Öffnung des österreichischen Arbeitsmarktes für die „EU-8-Staaten“, darunter die Slowakei, zurück. Betteln ade. Arbeit olé? Wann und woher kamen die BettlerInnen, wohin gingen sie? Oder: Sind BettlerInnen weiterhin präsent?
„Die meisten der ehemaligen BettlerInnen kamen aus der Slowakei, aus Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Erste BettlerInnen tauchten 1996 in Graz auf. Ausschlaggebend für die zumeist temporäre Migration waren die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen aufgrund der Wende 1989. Viele der BettlerInnen waren Roma und Romnija, es waren aber auch einige Menschen aus Österreich dabei“, erklärt die Bohemistin Barbara Tiefenbacher.
Ehemalige BettlerInnen treten heute als Kolporteure und Kolporteurinnen von MEGAPHON oder „global player“ in Erscheinung. Speziell für Roma und Romnija wurden und werden aber auch Arbeitsprojekte sowie Arbeitsplätze geschaffen.
„Ich will den Roma Arbeit geben, damit sie nicht betteln müssen“, dachte sich etwa Hans Roth, Chef der Firma Saubermacher und wandte sich an Pfarrer Wolfgang Pucher, dem Gründer der VinziWerke. Mittlerweile arbeiten vier Roma im Pilotprojekt „Sauberes Uni-Viertel“ als Vollzeitkräfte mit, da „wir mit der Leistung, vor allem aber mit der Pünktlichkeit, der Freundlichkeit und der Zuverlässigkeit sehr zufrieden waren“, sagt Andreas Patschok, Geschäftsführer von Saubermacher Outsourcing.
VinziWerke
Die VinziWerke sind nicht nur Vermittler von Arbeitsplätzen, sie organisieren auch eigene Arbeitsprojekte. Hauptsächlich werden dabei Roma und Romnija aus dem Bezirk Rimavská Sobota in der Slowakei unterstützt, denn diese sind „vor 15 Jahren nach Graz gekommen“, erläutert Nora Musenbichler, Koordinatorin der VinziWerke. Zum Beispiel produzierten Roma im August Fahrradanhänger, doch sind „die Materialkosten so hoch, dass wir diese Idee ohne Spenden nicht fortführen können“, bedauert Musenbichler. Vier Romnija, Kinder von ehemaligen BettlerInnen, schließen im März 2012 ihre Ausbildung zur Pflegehelferin am LKH Stolzalpe ab. „Sie sollen nicht das gleiche Schicksal wie ihre Eltern erleiden. Die Jugendlichen sind wirklich gut unterwegs und haben die Prüfung aus Pathologie teilweise mit sehr Gut bestanden“, so die VinziWerke-Koordinatorin. Die VinziWerke schaffen auch Arbeitsplätze in der Slowakei: Musenbichler nennt die VinziPasta, den VinziShop in Hostice und die in Kooperation mit „Direkthilfe Roma“ entstandene Essiggurken- und Sauerkraut-Produktion.
Bioknoblauch Romanes
„Wir wollen ernsthafte Arbeit abliefern und keine Show“, sagt Bernd Spiegl, Obmann des Grazer Vereins „European Neighbours“, über „Bioknoblauch Romanes“. Anfang Oktober beginnen Roma und Romnija unter anderem in Graz mit dem Probeanbau von Knoblauch. Anbauflächen gibt es auch in der Slowakei, in Kroatien, Ungarn und Rumänien. Das Projekt erhielt finanzielle Starthilfe von der Stadt Graz und dem Land Steiermark. „Roma sollen die Möglichkeit eines Einkommens haben und nicht nur sozialbedürftig sein. Auf gar keinen Fall darf man hergehen und die Menschen im Vorhinein überfordern. Sie sollen aber irgendwann auch in der Buchhaltung, als Schlosser, Tischler etc. bei ‚Bioknoblauch Romanes‘ tätig werden“, erläutert Spiegl. „Eigentlich ist das Projekt größer angelegt“, ergänzt der Obmann, der demnächst die EU-Projektvergabe-Entscheidung für „Europe for Citizens“, ein gemeinsam mit der Stadt Graz initiiertes Projekt für und mit Roma und Romnija, erwartet.
Bettel-Image
„Mit den Arbeitsprojekten haben wir bewiesen, dass das Vorurteil, Roma seien faul, nicht stimmt“, so Musenbichler von den VinziWerken. Sind die Roma/Romnija ihr Bettel-Image seit dem Verbot losgeworden? „Selbst wenn sie Musik machen oder Zeitungen verkaufen, werden sie noch als BettlerInnen dargestellt. Das ist absurd, weil niemand von den Grazer StraßenmusikerInnen jemals gebettelt hat, sie hetzt aber durch das Verbot das Täfelchen der durch Verbot verhinderten BettlerInnen umgehängt bekommen“, sagt der Kulturwissenschaftler Stefan Benedik von der Universität Graz. Sein Kollege Wolfgang Göderle ergänzt: „Das Image von BettlerInnen haftet Roma/Romnija in Österreich mindestens seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts an.“
Roma-Image
Wie sie Situation in der Steiermark zeigt, sind Roma nicht nur BettlerInnen und BettlerInnen nicht nur Roma. Vor allem sind Roma Teil der Steiermark. Benedik: „Leider gibt es die Tendenz, Roma/Romnija als eine Sache des Burgenlands oder der Slowakei, Rumäniens, Ungarns etc. zu betrachten. Dabei waren in der Steiermark wie in ganz Österreich unterschiedliche Gruppen, die heute als Roma/Romnija bezeichnet werden, immer Teil der Bevölkerung und der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Beziehungen.“
Quelle: Megaphon 10/2011












